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Montag, 23. September 2013

Heiler - Hildegard - Hilfe!

Auch meine deutschen “Eltern” fielen am laufenden Band auf irgendwelche heilbringenden Gurus herein. Einmal war es ein angeblicher tibetischer Lama, der sich Lobsang Rampa nannte. Lobsang Rampa sagt dies, Lobsang Rampa macht das … seine Lehren und Traktate waren im Haus meiner Eltern das Evangelium! Zweifel oder gar Kritik galten als Gotteslästerung. Sie litten an akuter “Ramparitis”. 

Nein, davon wollte ich verschont bleiben und wagte einen Vorstoß: “Papa, dieser Lobsang Rampa ist doch gar kein Tibeter, der ist nicht einmal Mönch …” 

“Haacchchch! Was weißt Duu denn schon! Gar nichts! Du weißt gar nichts und du bist nichts! Hast du das noch immer nicht begriffen? ….” Das Gezeter ging noch eine ganze Weile weiter, aber irgendwann musste selbst Vatern mal Luft holen. 

“Dafür weiß ich aber, dass dein hoch gelobter Heilungslama ein Engländer ist. Er heißt in Wirklichkeit Cyril Hoskin und ist von Beruf Klempner …” 

Weiter kam ich nicht, weil ich jetzt selber dringend einen Klempner brauchte. Wofür? Meine Nase war einem von Vaterns berüchtigten Wutanfällen zum Opfer gefallen und sprudelte wie ein undichter Wasserhahn, allerdings in rot. 

Quelle: Wikipedia Lobsang Rampa: Als seine wahre Identität bekannt wurde, behauptete er, der Geist Lobsang Rampas sei jetzt im Körper Hoskins, der diesem Tausch zugestimmt habe. Allerdings konnte er nicht erklären, warum er Englisch sprach, aber nicht Tibetisch. 

Da blieb nur eines übrig, Eltern und Heilweisen aus dem Weg gehen. 

Gar nicht so leicht, weil ich dafür dringend eine Gasmaske gebraucht hätte. Gasmaske? Warum denn das?  Ganz einfach, dieser komische Klempner hatte irgendwo geschrieben, dass ein Mensch, um gesund zu bleiben, jeden Tag mindestens 30 (in Worten: dreißig!) mal furzen müsse. Die dabei entstehenden fürchterlich stinkenden Abgaswolken mag sich jeder selbst vorstellen … Die beiden taten alles, damit sie dieses Knall-Soll möglichst übertrafen. 

Sie hatten sogar in der Küche einen riesigen Wochenkalender aufgehängt, wo sie ihre Furz-Strichliste führten. Vatern links, Muttern rechts. 

Wenn ich von der Schule kam, holte ich erst mal tief Luft, hielt sie so lang wie es ging an und riss möglichst viele Fenster auf. In diesem Mief konnten Menschen doch unmöglich überleben. 

Diese Gaswolken mussten doch irgendwann auffallen. Im Stillen hoffte ich, dass einer der wenigen Besucher ausströmendes Gas - was ja auch stimmte - vermutete und einen Gasnotfall meldete. 

Die Rettung nahte - in Form des alten Grundlagen-Professors aus Hiddesen. Schon an der Haustür schnupperte er angewidert, sagte aber erstmal nichts. Seine Frau tupfte sich Parfüm unter die Nase. Man nahm im heiligen Wohnzimmer Platz und Just the same Procedure as every time. Nein, nicht ganz. Vatern entfuhr ein wahrhaft grässlicher Furz, die Besucher erbleichten und suchten die rettende Terrassentür zu erreichen. 

Vatern aber jubelte auf: “Das war der dreißigste heute”, und entschwand in die Küche, wo er seine Strichliste ergänzte. Was dann weiter im Wohnzimmer geschah, kann ich nur vermuten. 

Am nächsten Tag war die Strichliste verschwunden und die bejubelten Furzorgien hatten ein Ende. 

Bald danach kam ein schon älterer Heilpraktiker aus Schlangen in Mode. Wie meine Eltern an diesen Herrn geraten konnten, ist mir bis heute ein Rätsel. Herr Holweg hatte nämlich fundierte medizinische Kenntnisse, kannte seine Grenzen und was er sparsam verschrieb, half auch. 

Weil ich nicht wie erhofft “funktionierte”, schleppten meine Eltern mich auch dorthin. Erst verschwand Muttern hinter der gepolsterten Tür, eine halbe Stunde später war ich an der Reihe. 

Der alte Herr fragte erstmal nichts, offenbar hatte Muttern ihm schon ausführlich über meine Faulheit, Dummheit usw. berichtet. Dafür sah er intensiv meine Augen an, Irisdiagnose. 
“Da gefällt mir etwas mit deinem Herz nicht. Warst du schon mal beim Kardiologen?” 

Ich wusste nicht einmal, was das war, so bat er Vatern dazu. 

“Sie sollten das Herz Ihrer Tochter untersuchen lassen, sie könnte …” 

Hier kreischte, schrillte und brüllte Vatern los, dass die Fensterscheiben klirrten. Ich rannte entsetzt davon und ließ den armen Heilpraktiker mit Vatern zurück. “… wir sprechen uns noch! Sie sind ein Scharlatan!”, fauchte Vatern, bekam mich zu fassen und stopfte mich geradezu ins Auto. In seiner Hektik hatte er sogar Muttern vergessen, und wir mussten umkehren, um sie aufzusammeln. 

Der alte Herr war beileibe kein Scharlatan. Er hatte Recht, was meine “Pumpe” anging. Allerdings wurde mein angeborener Herzfehler erst dreißig Jahre später erfolgreich behoben. Zu diesem Heilpraktiker fuhren meine Eltern nicht mehr. 

Dann wurde eine Paderborner Heilpraktikerin das nächste Anbetungsobjekt. Frau Einhoff sagt, Frau Einhoff findet … siehe oben. Auch dorthin wurde ich zwangsweise geschleppt. Meine Schulnoten ließen zu wünschen übrig, ich putzte nicht sauber genug, und ich las lieber, statt etwas Nützliches zu tun.
So konnte das nicht weitergehen.Diese Krankheit musste weg. 

Diese dickliche, blasse Frau war mir auf Anhieb zuwider. Auch ihr hatte Muttern zuvor von mir berichtet. Mit dem Erfolg, dass sie mir als “Behandlung” ins Gewissen redete, doch mehr für die Schule  und im Haus zu tun. Sie attestierte mir eine Tierhaarallergie und eine panische Angst vor ihnen. Tiere würden bei mir hysterische Anfälle auslösen … 

Mit diesem Geschwafel konnte ich leben, schließlich hörte ich sie ja nicht den ganzen Tag. 

Sie gab Muttern den Rat, mich mit Bohnenschalentee abzufüllen, weil dieser Inulin enthalte. Was diese Heilpraktikerin meinen Eltern genau erzählt hat, weiß ich nicht. Tatsache ist aber, dass mich dieser verdammte Bohnenschalentee fast umgebracht hat. 

Wie das? 

Am nächsten Tag nahm Muttern mir mein Kurzzeitinsulin weg und schloss es im Kühlschrank ein, wo ich nicht mehr dran kam. Statt dessen stellte sie mir eine riesige Kanne mit Tee hin: “Du trinkst jetzt jeden Tag drei Liter Bohnenschalentee. Das Insulin brauchst du nicht mehr. Das ist schon da drin!” 

Mit diesen gewichtigen Worten ließ sie mich stehen. Und ich war ratlos. Wie sollte das funktionieren? Insulin ist ein Hormon, das auf der Bauchspeicheldrüse von den Langerhansschen Inseln gebildet wird. Bohnen haben aber keine Bauchspeicheldrüse. 

Außerdem wird Insulin von der Magensäure zersetzt. Darum gibt es ja auch kein Insulin in Tablettenform. 

Ich war ratlos. Das konnte ja nicht gut gehen. Tat es auch nicht. Ich konnte trinken so viel ich wollte, aber der schreckliche Durst ging nicht weg. Ich wurde immer schwächer und roch schon wie eine ganze Wagenladung überreifes Obst. 

Zwei Tage später, beim Abendbrot, sagte ich: “Ich muss morgen zum Arzt, so geht das nicht. Ich glaube, mein Zucker ist irrsinnig hoch. Ich brauche mein Insulin …” 

Grob fuhr Muttern mich an. “Das kommt, weil du dich immer mit Süßigkeiten vollstopfst! Glaubst du, ich weiß nicht Bescheid! Bestimmt stiehlst du sie bei Stecker - ein kleiner Lebensmittelladen! Morgen, wenn ich einkaufe, frage ich sie. Und dann kannst du was erleben! Dann kommst du endlich ins Heim!” 

Und Papa dozierte wichtig: "Bohnenschalen enthalten genug Insulin, um den menschlichen Körper ausreichend zu versorgen! Das schreibt schon Hildegard von Bingen! Lies dir ihr Buch genau durch, dann wirst du hoffentlich begreifen, wie ein gesundes Leben zu führen ist!” 

Dass jemand im elften Jahrhundert schon Insulin kannte oder gar von einer Bauchspeicheldrüse wusste, bezweifle ich heftig. 

Und Bohnenschalen können niemals den Zucker senken, weil sie nämlich Inulin enthalten. Das ist kein Hormon, sondern ein Gemisch aus langkettigen Polysacchariden. In der Lebensmittelindustrie wird es u. a. als Ballaststoff eingesetzt. 

Am Ende habe ich doch wieder mein Insulin bekommen.Weil ich als Notfall mit einer gefährlichen Acetonvergiftung beim Arzt gelandet bin. 

Viel fehlte nicht mehr, und meine Eltern hätten die auf meinen Tod abgeschlossene Lebensversicherung endlich kassieren können.


Hochgeladen am 13.01.2009 von 2Kaesekrainer

Übernommen von Over-Blog

Montag, 28. Januar 2013

Professor und Playmobil? - Blog von Kiat Gorina


Was haben ein alter Professor und Playmobil miteinander zu tun? Eine ganze Menge sogar. Dieser alte Professor, Grundlagenforscher der Physik, war ganz und gar kein weltfremder eingestaubter Gelehrter. Das sah man allein schon an der Schar seiner Kinder und Enkelkinder. 

Es war am dritten Weihnachtstag, sämtliche Familienmitglieder - und das waren viele - trafen sich in seinem Haus in Hiddesen. Natürlich lockte das auch ältere kinderliebe Tanten an. Und meinen Vater. Weil sämtliche Kinder auch Doktortitel hatten, wollte Vatern sich im Glanze so vieler Doktoren sonnen, um später mit seinen vielen promovierten Bekannten prahlen zu können. 

Ich hatte mich schon gewundert, weshalb er mit mir am Herrmannsdenkmal spazieren gehen wollte. Sonst war er doch nicht so unternehmend zu mir. 

Aha, auf dem Rückweg kam mir die Erleuchtung. Die Doktorensammlung! Schon bogen wir in die professorliche Einfahrt ein. 

Gerade kommandierte Vatern: “So, du wartest im Auto! Du blamierst dich doch sowieso nur wieder!” Fehlte nur noch, dass er “Platz! und Bleib!” kommandiert hätte. Aber man hatte uns schon gesehen, der alte Professor begrüßte Vatern und wollte uns ins Haus komplimentieren. Er erspähte mich mit seinen scharfen Augen im Auto, dann spießte sein Blick Vatern auf: “Soll Ihre Tochter wieder mal im Wagen bleiben? Sie ist doch kein Hund!” 

“Du brauchst dich wirklich nicht verstecken zu lassen. Bloß weil du immer den einfachsten Weg findest, bist du doch nicht dumm. Denk nur an diese Aufgabe in Verfahrenstechnik. Deine Methode hat dir drei Seiten Rechnerei erspart …” Er blinzelte mir zu und ich fühlte mich etwas wohler in meiner Haut. 

Drinnen quoll es vor lauter Leuten fast über. Die Erwachsenen saßen dicht gedrängt um den langen Wohnzimmertisch. Der alte Professor saß, seiner langen Beine wegen, am Tischende. 

Und ich landete bei den Enkeln. Auf dem Fußboden. Egal, da war es wenigstens nicht so eng. 

Nur als eine alte Tante mit malzbonbonmilder Stimme zu den Kindern sagte: “Nun zeigt doch dem kleinen Mädchen mal, was ihr Feines zu Weihnachten bekommen habt. Damit könnt ihr doch so schön spielen.” 

Huh, dieses zuckrige Gesäusel! Allein davon konnte man ja schon Karies bekommen. Den Enkeln ging es offenbar nicht anders. Sie stießen sich nur kichernd an, dann schoben sie ab - und kamen mit Playmobil zurück. Donnerwetter, so etwas kannte ich auch noch nicht. Da gab es Figuren, die Arme und Beine bwegen konnten. Und in ihre Hände konnte man alle möglichen kleinen Sachen stecken: Gewehre, Pistolen, Tomahawks, Bauarbeiterwerkzeug, und - das war ja klar Suppenlöffel, Staubsauger und Regenschirme für die wenigen weiblichen Männchen. 

Ich sah mir das Sammelsurium genauer an. Klar, die Jungensachen sahen gut aus, aber an Mädchen-Playmobil gab es eine Putzfrau, Reisende mit Hütchen und Regenschirm, Krankenschwestern usw. 

Oje! Da hatten die alten Tanten wohl wieder ihr Rollenverständnis in Geschenkpapier gepackt. 

Die kleine Anne sah meinen Blick und seufzte abgrundtief “Und damit sollen wir spielen! Putzen und Küche? Das ist doch stinklangweilig!” Wie wahr. 

Im Jungenkasten sah es schon spannender aus: Cowboys, Indianer, Bankräuber, Sanitätsstation, Pferde. Damit ließ sich schon eher etwas anfangen. 

“Wie sollen wir denn damit etwas zusammen spielen?”, fragte Rolf ratlos,  “das passt doch gar nicht zusammen.” 

Ich betrachtete die Sammlung und überlegte: “Die ‘Deckel’ kann man doch abmachen, oder?” 

Anne nickte und skalpierte gleich ihre Puzfrau und die Krankenschwester. Rolf nahm sich den Indianerhäuptling, den Bankräuber und den Arzt vor. 

“Und was nun?” 

“Jetzt bauen wir die ganzen Männchen etwas um, guckt mal, so vielleicht: der Bankräuber kriegt das Puzfrauenkopftuch auf, er hat statt Geld diese ganzen Töpfe und Teller geklaut, der Sheriff hat Indianerfedern auf dem Kopf und hält ihn mit der riesigen Spritze in Schach …” 

Die Augen der Kinder glänzten, und wir machten uns gemeinsam an den Umbau:
Da bekämpften sich der Indianerhäuptling (mit Schwesternhaube) und ein Kavallerist (mit Damenhütchen) ganz heftig. Sie waren mit Staubsauger und Teppichklopfer bewaffnet. 

Dafür klaute die Reisende (mit Indianerhaube) den mit dem geklauten Schatz beladenen Rollstuhl. Davor hatten wir mit Gummiband das Indianerpferd gespannt. Die Krankenschwestern (mit Medizinmannkopfputz und Sheriffhut) machten unter Professors Sessel einen wilden Kriegstanz um den zum Totempfahl umfunktionierten Kaktus. 

Da entstanden die tollsten Kreationen! Wir mussten so lachen, dass schließlich sogar der alte Professor mit seinen Adleraugen erst zusah, und dann vergnügt mit seinen langen Armen hinlangte und mitbaute. 

“So stelle ich mir Gleichberechtigung vor”, murmelte er glücklich.


Veröffentlicht am 19.03.2012 von weitze45