Dienstag, 19. Februar 2013

Was macht mein Buch im Banktresor? - Blog von Kiat Gorina


Da vermutet doch wohl jeder gleich einen uralten wertvollen Folianten mit Golddruck. Oder gar hochbrisante Informationen über Politiker, Militärs oder andere höchst “wichtige” Leute. Ist aber nicht. Was da so sicher weggesperrt wurde, war das von mir geschriebene Buch. Wieso das? 

Tja, das wüsste ich auch gerne. 

Tatsache ist, dass ein Mitglied aus Vaterns Verwandtschaft auch ein Buch geschrieben hatte. Gottfried Hilgerdenaar war Kapitän und hat seine Erlebnisse in dem spannend geschriebenen Buch “Seemann”wollt ich werden”  veröffentlicht. Mit einer solchen Verwandtschaft fühlte Vatern sich auch gleich als Kapitän - mindestens! 


G. Hilgerdenaar im Bremer Hafenmuseum

Dieses Buch stand in der Vitrine in der Essecke und wurde allen Besuchern geradezu aufdringlich immer wieder präsentiert. 

Auch einem ehemaligen Arbeitskollegen, der eigentlich Schiffsbauingenieur war.
“Der Friedel ist ein ganz toller Kerl - wie alle in meiner Verwandtschaft! Stellen Sie sich vor, er hat seine über 500 Meter langen Frachtschiffe immer sicher ans Ziel gebracht! Und das, obwohl der Atlantik und der Kanal noch voller Seeminen waren!”

Der Besucher und ich sahen uns entgeistert an. So etwas stand aber nicht in dem Buch. Herr Diekmann schwieg taktvoll, aber ich brachte es nicht fertig, den Mund zu halten: “Seeminen? Ende der fünfziger Jahre? Und soviel ich weiß, sind normale Frachtschiffe so zwischen 130 und 150 Meter lang, und keinen halben Kilometer!” 

Du liebe Zeit! Was hatte ich da nur wieder angerichtet! Vaters empörte “Hach!” wollten gar kein Ende mehr nehmen. 

“Sieh du lieber zu, dass du endlich einen Beruf lernst, bevor du hier dein Unwissen kund tust!” Ach ja, just the same Geheul as every time... 

Komisch, sind Diplom-Ingenieur und Metzgergeselle denn keine Berufe? 

Die Besuchsfrau sah Muttern fragend an: “Ich dachte, Ihre Tochter hätte studiert?” 

“Hat sie auch, sie ist Ökotrophologin”,gab Muttern zur Antwort. 

Nanu? Das war mir neu! Und was bitte schön ist ein Ökotrophologe? 

Kurz entschlossen griff ich in Vaterns heilige Buchvitrine und zog den entsprechenden Brockhaus heraus. Ein längerer Artikel. Aha, jetzt war ich schlauer: Man erlernt … Methoden, mit denen man Problemlösungen im Bereich Haushaltsführung und Ernährung entwickeln kann … 
  
Vatern hatte inzwischen seine “Biographie-Platte” aufgelegt: “Ich bin, auf allgemeine Bitten, jetzt auch dabei, meine Biographie zu schreiben. Das ist auch für Friedel sehr interessant und wichtig! Schließlich kenne ich sehr viele einflussreiche und wichtige Leute, das muss ich hier nochmals betonen!” 

Der Besuch schaute mehr als ungläubig, und ich suchte das Weite, weil mir schon die Lachtränen herunterliefen. 

Dass seine angepriesene Biographie bisher darin bestand, sich eine elektrische Schreibmaschine mit exakt einer Zeile Speicherkapazität zu kaufen, verschwieg er taktvoll. 

Aber diese einflussreichen Leute  lannte er - aus seinem 26-bändigen Brockhaus!

Dann kam mein Buch heraus. Davon erfuhr er erst später, ich hatte ganz vergessen ihm zu berichten. 

Aber eines Abends schellte das Telefon, es hörte sich schon irgendwie so “giftig” an. Es war mein Vater. Gleich zeterte er los: “Wie kannst du es wagen, Frau Voßkuhle zu erzählen, du hättest ein Buch geschrieben? Du weißt doch ganz genau, dass du dazu gar nicht in der Lage bist! …" Er keifte sich regelrecht in Rage. Irgendwann musste er aber doch mal Luft holen, und ich kam auch zu Wort. “Hast du die arme Frau auch so angepfiffen? Und hast du mein Buch schon gesehen?” 

“Ja, natürlich! Sie hat die Unverschämtheit besessen, mir so ein Buch mitzubringen!Und dann zu behaupten, das hast du geschrieben!” Vatern hörte sich an wie eine verröchelnde Bulldogge. 

Ich musste nun doch lachen. Da kam sein vorgefasstes Weltbild schon wieder ins Wanken. 

“Och, wenn du’s nicht glaubst, dann lass dir doch von Claus den Zeitungsartikel in den Nürnberger Nachrichten ausdrucken …” 

Das war das letzte Mal, dass ich mit ihm sprechen konnte. Weiteren Kontakt lehnte er ab. Was mit meinem Buch geschah? 

Es landete komischerweise nicht in der Mülltonne, dafür war er wohl zu geizig. Erst nach seinem Tod kam heraus, wo das Buch gelandet war. 

Er hatte ein Schließfach bei der Sparkasse. Darin fand sich, außer meinem lang vermissten - inzwischen geplünderten - Sparbuch auch mein Buch. Müsste ich das jetzt verstehen?


Hochgeladen am 13.01.2011 KiatGorina1

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